DAGMAR C. ROPERTZ

Galerie im t h a l h a u s    Wiesbaden

Dagmar C. Ropertz >Echolotung< Malerei

Zur Eröffnung:

>Wenn andere mein Schaffen nicht verstehen oder abweisend reagieren…das bleibt eine Wunde! Aber ich muss damit leben. Vielleicht bleibe ich bezüglich der Sehgewohnheiten immer ein(e) Störende(r)? <

So, oder so ähnlich hört man es nicht selten in der Kunstszene. Vor allem von Künstlern, denen es um Bildwelten und bildnerische Botschaften in einer anderen als den eingeübten Bildsprachen geht. Dabei ist das Erkennen von Gegenständen aus unserer Alltagswelt nicht ausgeschlossen, die Inszenierung ist es oft, die irritiert, sie läßt innehalten, denn das Bildgeschehen legt sich quer zu unseren Erfahrungen, baut unverhoffte Spannungen, läßt uns allein mit Spekulationen: Dort ist auch keine für jeden zweifelsfreie Bildlegende angestrebt – eher sind es die individuellen Verknüpfungen mit dem Eigenen des Betrachters, mit Erlebtem, mit je eigenen Brüchen und Verunsicherungen – das dann zum Verstehen führen kann, du dem, was dahinter ist. Oder auch nicht. Genau diese psychische Sonde anzulegen, kommt der Zielsetzung von Dagmar Ropertz mehr als nur nahe – macht ihre Arbeiten zugleich aber auch zu keiner leichten Kost… schnelles Abhaken ist hier nicht!

Es ist ein Stückweit >theatrum mundi< Welttheater mit der Künstlerin als Protagonistin … man nannte es auch schon >malerisches Panoptikum<, eine offene Situation, in die der Betrachter schlüpfen könnte/ sollte(?), der Bogen bleibt gespannt, surreal - mystisch, gegenständlich vertraut und zugleich fremd. Collage und Fragment sind die bestimmenden Prinzipien ihrer Malerei. Sie arbeitet auf mehreren Bildebenen, in die sie ausschnitthaft Figuren hineinsetzt, die mit einer eigenen, umgebenden Sphäre – durch eine schmale Grenzlinie gekennzeichnet – vom Hintergrund abgesetzt sind. Man könnte meinen, sie seien ausgeschnitten und wie in einer Collage montiert – sie sind aber gemalt! Ja – sie erweitern das klassische Collage-Konzept – diese in einer Hülle steckenden Figuren, sie sind in eine eigene Bildzone gebettet – dabei geschützt und gefangen(?) zugleich. Eine Gesamt-Körper-Aura umgibt sie, die singularisiert, allein stellt, und auf das konzentriert, was als Potential in den Dingen steckt. Zugleich sind es Bildformen, die auch zum Stichwort >Fragment< führen. Fragment ist nicht nur von der äußerlich-technischen Seite her zu sehen… FRAGMENT hat eine fraglos tiefergehende Dimension – erinnert sei nur an den französischen Künstler Marcel Duchamp und dessen Dictum: >Dies ist nicht eine Zeit, um irgendetwas zu vollenden. Dies ist eine Zeit der Fragmen- te<. Diese Feststellung wurde programmatisch für die gesamte Kunst seit Beginn des 20. Jahrhunderts – und sie dauert mit Macht bis in unsere Tage: Die Allgegenwart des Fragments in der zeitgenössischen Kunst ist zwischenzeitlich längst Allgemeinplatz! –

Und noch immer gilt: Die Erfassung fragmentarischer Werke erfordert mehr als nur einen Blick, sie verlangt eine tiefere Beteiligung des Betrachters! Denn das Weglassen, das Reduzieren auf das Unabdingbare konzentriert den Effekt und das Gefühl auf das, was übrig bleibt – oder auf das, was fehlt! Es greift die Regel, die längst zu jeder Kunstrezeption zählt: die offene Bildform bewirkt eine geistige Bewegung zwischen Gegenstand und Einbildungskraft des Betrachters.

Wie eine überirdische Erscheinung sind die Figuren in die Bildszenerien eingeblendet. Wer ihr Sonderwesen nicht begreifen will, dem signalisiert der gemalte Figurenrahmen das >So-noch-nicht-Gesehene<…Collage hier ist geboren aus einem gedanklichen Vorwurf - aus keinem technischen Kunstgriff: Es sind >Gedanken-Collagen< mit psychischem Tiefgang, mit Echolotung, keine Motiv-Verrätselungen - eher eine Verweigerung, kein >Sich-festlegen-Wollen< auf >Ein-Eindeutiges<. Ropertz Bilder ziehen uns in eine Welt mit Widerhaken – sie locken mit Bekanntem in Szenarien voller Geheimnisse: unterkühlt, nüchtern, wie stockend erzählt – mit der Intention: Etwas Unsichtbares erkennbar werden zu lassen – ohne es an das Offensichtliche zu verraten…Das tiefere Angebot dieser Werke: über den Einstieg ins Bild zu einer Begegnung mit sich selbst zu kommen(!)… Die Künstlerin kann dabei die Rolle der Protagonistin übernehmen, sie figuriert als Stellvertreterin… so etwa auf dem Bild mit dem Titel >Eden<, auf dem sie gleich dreifach präsent ist: Michaela Buchheister analysierte dieses Bild jüngst im art-profil-Heft (Auszug):

> Im Werk >Eden< ist die Dualität zwischen Sonnenschein und Abgrund, zwischen heiler Welt und subtilem Horror derart augenfällig, dass dem Betrachter bei längerer Auseinandersetzung schlichtweg der Atem stockt. Die Bilder transportieren Emotionen in scheinbarer Harmlosigkeit. Die vermeintlichen Klone der Hauptfigur einer attraktiven Frau werfen einen Schatten auf einen wunderbaren Garten Eden, denn zusätzlich umgibt diese Menschwesen eine Art malerischer Aura. Etwas, was der klaren Figur zuwiderläuft… Der dunkle Wald, diffus, undurchdringlich, unheimlich! Und letztlich ist die Darstellung der Figur für den Betrachter mehr als erschaudernd: Ein hübsches Gesicht – aber eiskalte Augen. Nichts verstört so sehr wie dieser Kontrast. Die zunächst vermutete Harmonie dieser Erscheinung bekommt erschreckende Risse… Ihr uneinschätzbarer Blick steht in einem unhaltbaren Widerspruch – sowohl einerseits zum Titel als auch zur situativen Örtlichkeit selbst. Dieses Werk konfrontiert den Betrachter mit seinen eigenen Ängsten und Hoffnungen – und stößt ihn dabei auf sich selbst zurück. Die Wirkung beim Betrachter ist eine zutiefst verstörende Unsicherheit…<

Dies zu sehen - führt zu ECHOLOTUNGEN ureigener Art - und zwar über die ewigen Fragen wie: >Woher kommen wir?< - >Wer sind wir?< und >Wohin gehen wir?<(conditio humana). Diese Kernfragen schwingen hier unausgesprochen mit, sie führen zum philosophischen Anspruch der Künstlerin, sind zentrales Anliegen schlechthin – ein Anliegen, in dem sie das Selbst, das Ich immer wieder neu positioniert, oder sich auch mal, wie in >Eden<, en face inszeniert.

>Zum Greifen nah…< so heißt die erste Bildbegegnung in der Ausstellung/im Eingangsbereich: eine Armgeste vor dramatischen Wolkenformationen – eine Traumszenerie wie aus dem Bilderbuch – sparsam, deutungsoffen, Ropertz inszeniert einen Kampf zwischen HELL und DUNKEL – ein Ausgreifen ins Leere? Ins Dahinter? Zu diesem Werk kann wohl fast ein jeder So- oder Ähnlich Erlebtes beisteuern…(!?)

Gerade bei diesen beiden Bildern kommt ein Realismus-Begriff zum Zuge, der bestens verknüpft ist mit kunsttheoretischen Statements -etwa mit Alex Colville- sein Credo: >Als guter Realist muss ich alles erfinden! <. Nicht von Abschilderung der Wirklichkeit handelt diese Art von Realismus. Doch das, was wir sehen, ist nicht weniger wirklich, als es die Realität je sein könnte. Berthold Brecht sagte einmal, kein Realist begnüge sich damit >immerfort zu wiederholen, was man schon weiß< sondern: es ist >etwas aufzubauen< etwas >Künstliches< etwas >Gestelltes<…Inszeniertes!

Hier trifft dies zu, denn Ropertz lotet tiefer – sie stellt sich den Fragen und den Fragwürdigkeiten einer Wirklichkeit, die außer aus Sichtbarem schließlich auch aus Ängsten, Wünschen, Träumen und – Albträumen besteht!

Das Bild mit dem Titel >Augenblicke< argumentiert in dieser Richtung: In steiler Draufsicht, einer Art Vogelperspektive, ist die Situation des Sich-Begegnens erfasst. Es sind Blicke von Auge zu Auge zu vermuten(von der Frau eher ein >Nach-unten-Blicken<?) – wie sie ja auch Sicherheit, Halt sucht an einem Geländer. In einem weißen Kleid, das in dieser Farbgebung Bedeutung signalisieren kann, begegnet sie… Ihr Gegenspieler: eine dunkle, männliche Silhouette (nur mit Hinterkopf und Schulterpartie gegeben) - eine Form, in der auch etwas Bedrohliches anklingen kann. Diese >Augenblicke< überschreiten die Dimension einer alltäglichen Begegnung von Mann und Frau, es scheint sich hier zu einer Situation der Geschlechter-Begegnung zu verdichten – sei es, dass es sich um das allererste Anbahnen einer Beziehung handelt - hierfür spräche die Symbolfarbe >weiß< - oder es geht um die ewige Spannung zwischen Mann und Frau, um eine Spannung, die diese ungewöhnliche Perspektive provoziert, ein Spiel nicht ohne Wagnis!

Mann und Frau sind auch Thema auf dem Bild mit dem Titel > Familienbande<, ein junges Paar in Rücken- ansicht mit Blick auf eine zugestellte Welt, eine wie mit Stahlplatten verschlossene Szenerie, sie ist zum Bild geworden - die ewigen Fragen: >Was wird kommen?< , > Wie wird sie sich gestalten unsere gemeinsame Zukunft?< Doch trotz der Dominanz im Verweigern, im Sich-nicht-Festlegen-Wollen, bleibt hier mehr als nur ein Rest von Zuversicht – denn das Paar umstrahlt eine Farbigkeit in hoffnungsvoller Aura, Lebensfreude, Lust auf morgen? – durchaus!

Daneben >Der Zeitensammler< in rätselhaft-schöner Landschaft. Eine Flusslandschaft läßt auf den ersten Blick an eine gewaltige Naturkatastrophe denken – ein bedrohlich rotgefärbter Fluss umzingelt ein kleines Boot mit Fährmann, die Fährnisse des Lebens, das Einsammeln von Zeiten, in denen es nicht gar so rund läuft … vielleicht! Zweifelsohne in Bild von mystischer Kraft! – für mich ist es auch ein Stück aus der griech.- röm. Mythologie - ein Topos für Charon, den Totenfährmann auf einem der Ströme in der Unterwelt (Styx, Acheron) …!? Ein Stück Geheimnis, das noch verstärkt wird durch die Wortschöpfung >Zeitensammler<. Hier zündet, wie auch in den anderen Bildtiteln, ein zusätzlicher Funke, der das Bildsujet, die Bildwirkung und den Titel widersprüchlich oder erhellend – nie affirmativ – in eine Spannung versetzt.

Der Titel >Echolotung< taucht doppelt auf: einmal als Titel des Bildes mit einem Geiger, barfuß, ganz bei sich dargestellt. Dann ist >Echolotung< der Titel für die Gesamtpräsentation, hier im Sinne des Spiels mit den Raumperspektiven – den Hängungsmöglichkeiten, den Parallelverweisen von Bildern, die untereinander Kontakt aufnehmen, vorbereitend, konzentrierend, lockend – all dies verstärkt den intensiven Kabinettcharakter. (Übrigens: auch eine literarische Verknüpfung ist gegeben: Walter Kempowski bezeichnete sein kollektives Tagebuch >ECHOLOT< - es besteht aus einer Collage aus Tagebüchern, Briefen, Erinnerungen, Fotos).

Unerzählte Geschichten sind es, die Dagmar Ropertz über rätselhafte Dingwelten inszeniert – mit einem Menschenbild, das oft in Einsamkeit begegnet, positiv gewendet: in Autarkie! Es sind keine erfundenen Personen, die da agieren, es sind von der Künstlerin gesehene Zeitgenossen, gespeichert in ihrem Bildgedächtnis zusammen mit Szenarien aus Träumen und Albträumen. Sie bilden den Fundus, das Rückgrat für ihre Bildschöpfungen. Anonym bleiben sie nahezu alle – die Gespeicherten. Oft im verlorenen Profil bis hin zur klaren Rückenfigur wiedergegeben – repräsentieren sie Allgemeingültigkeit – vermeiden das Individualisieren…

Der TOPOS >Rückenfigur< kommt aus einer langen kunsthistorischen Tradition: angetippt sei nur die deutsche Romantik mit Caspar David Friedrich und mit dessen ins Bild führendem Blick – den Betrachter mitnehmend in das Sich-Vertiefen vor Naturschauspielen – Kontemplation, Verinnerlichung ist angesagt… Hier sind es Landschaftsgestaltungen, die kaum dazu einladen können, sich in ihnen heimisch zu fühlen: wie etwa auf den Bildern >Idylle<, >Heimweg< oder >Unbenannt<.

Es sind monochrome Farbfelder in Schwarz oder Rot, aber auch in hellem Weiß oder Blau, oftmals in dominanter Größe, die in Kontrast zu dem Figürlichen stehen, sie verdecken, machen aus dem Bildraum etwas Geheimnisvolles, bedrängen das Vertraute… Es sind Platzhalter für das Ungesagte, dies Bildprinzip zusammen mit der gemalten Collage wurde schon zum personalstilistischen Markenzeichen der Künstlerin deklariert: man kann es auch als unverwechselbaren, wiedererkennbaren Personalstil bezeichnen… (vgl. Dr. Nicole Beyer im jüngsten Katalog)

Gerhard Richter brachte das, was Kunst hier u.a. leistet, auf den Punkt: > So sind Bilder um so besser, je klüger und extremer, je anschaulicher und unverständlicher sie im Gleichnis diese unbegreifliche Wirklichkeit schildern …< wie für diese Schau mitformuliert!

Doch bei Allem: Es gibt keinen richtigen oder falschen Blick – es gibt ein Nebeneinander mehrerer plausibler Interpretationen… das Mehrdimensionale reizt, hält die Bildenergie am Leben!

So läßt sich trefflich das Werk >Nachtschatten< in einem Interpretationsversuch angehen: Eine breitgelager-te Landschaftsaufnahme mit einer kaum fassbaren Tiefe…was da in einem geheimnisvollen ROT und in Form von Weizenbergzeilen wächst, bleibt rätselhaft, glutvolle Energien in einem inneren Leuchten sind bloßgelegt, keine Naturwiedergabe mit identifizierbarer Vegetation, eher ein symbolistisches Aufflammen von Energie, in gewaltiger Farbwucht, blutrot gegen die Schwärze gesetzt, ein blauer Horizontstreifen als dünner Faden markiert die tiefste Tiefe, Nahgesehenes und Fernsicht, Figur und Grund, sind in größte Spannung gebracht: opulente Blüten in barocker Fülle wirken wie fleischige Fruchtbarkeitssymbole, unbändig, traumhaft, Hoffnungsträger für etwas Unausgesprochenes – einer surrealistischen Eingebung nicht unähnlich: Für mich ein Bild, das den Betrachter nahezu bestürmt, kraftvoll, sinnlich, erotisch-leidenschaftlich…

Nichts ist klar, alles mehr Vorschlag als Festlegung oder gar ewige Bewertung… Doch jedes Kunstwerk sagt uns dabei auch etwas über unser Dasein – wie es funktioniert und wo wir uns gerade befinden(!?)…

Mainz im März 2015                Dr. Otto Martin

 

 Galerie im t h a lhaus, Wiesbaden, 2015