DAGMAR C. ROPERTZ

Malerisch intensiv setzt sich Ropertz mit diversen Positionen des Realismusbegriffs in der Kunst auseinander, wobei eine fortschreitende Entwicklung und Abstraktion ihrer „Ideen“ deutlich werden. "Vision Utopia" zeigt, noch ganz im Sinne einer systematischen Realismusdefinition, einen naturalistisch in Feinmalerei gemalten „Schein von Wirklichkeit“. Die sich spiegelnden Gläser mit dem schwarzen Raben (als Vertreter der Zwischenwelt?) und dem „Ausblick“
auf vom Abendrot beleuchtete Wolken imitieren einen Wirklichkeitseffekt, der über die reine Darstellung hinaus an der Grenze zur symbolistischen Allegorie zu sehen ist. Was ist hier reine Abbildung, wo beginnt das Bild im Bild? Eine genreübergreifende Bilderfindung, die ganz im Sinne der Ideale von Realismus-Altmeister Courbet steht. Konsequent und folgerichtig schreitet Dagmar C. Ropertz weiter:
In Folgebildern wird, trotz größtmöglicher Vermeidung einer allzu mimetischen Auseinandersetzung mit der umgebenden Wirklichkeit, ihre Sicht auf das Weltgeschehen als Vorstellung deutlich, sei es als Reflektion über die Ereignisse in Fukushima („Es war einmal...“), sei es als sarkastische Anmerkung zur weltweiten Bankenkrise („Schutzschirm“) oder auch als Konnotation zu heraufbeschworenen Erinnerungen und ehemaligen Lebensfragmenten („Neue Heimat“). (...)

Die Künstlerin erreicht einen Wendepunkt in ihrem Schaffen, wenn sie in folgenden Bildern nach und nach in den diversen Ebenen sowohl deren Detailfülle als auch die Farbigkeit reduziert – bis sie schließlich das Bild hauptsächlich aus monochromen Flächen aufbaut, in die sie ihre fragmentarischen „Realitätsrelikte“ hineinversetzt. Die Farbwahl verweist dabei auf Visualisierung der emotionalen Ebene, Monochromie ersetzt in diesem Fall minimalistisch aber aussagekräftig die sonstigen, detaillierten Umgebungsbestandteile. Von der Sinngebung her wird der Blick des Betrachters über diverse, physisch erkennbare und visuell erfahrbare Ebenen – farbliche Grenzen - geleitet. Ob Horizontlinie, fensterartiger Ausblick oder Farbfläche – der Minimalismus der Bilder lässt Ausblicke für die hineinversetzten Protagonisten ebenso wie für den Betrachter zu, der seine Komfortzone verlassen muss und aktiv der Erschließung seiner Welt - oder der des Bildes - zuarbeiten muss. Die Perspektive verweist dann auch auf die Vorstellung von Realität, in der wir uns alle befinden und die wir alle so „scheinbar“ nah greifen können, ebenso wie die Bildaussage: Der Betrachter „sieht“ die Welt quasi aus den Augen der realistisch gemalten, in die Bilderwelt versetzten Person. Wie die anonyme Hand im Bild ohne Titel (s. "Galerie", Anm.), die den Himmel berührt und sich dem Licht nähert: Zum Greifen nah – aber doch so fern und nicht immer eindeutig zu benennen.

Die innerhalb der malerischen Umsetzung neuartige Verschmelzung monochromer Flächen als Ausdrucksträger mit realistisch gemalten Ausschnittfragmenten in einem Bild, die die Malerei collageartig wirken lassen, sich aber dennoch deutlich von echten Collagen unterscheiden, sind eine Überschreitung der Grenzen in der Malerei, die wir durch Dagmar C. Ropertz erfahren dürfen.

Man darf sehr gespannt sein, wie es mit dieser – als einer von vielen Positionen des Realismus – bei der begabten Künstlerin weiter geht!

Dr. Nicole Beyer, Kunsthistorikerin, 2013

Auszug aus: Zum Greifen nah ... Die wundersam realsitische Welt der Dagmar C. Ropertz.
In: Malerei an der Grenze von Realismus und Abstraktion.

 

 

 

Kunstverein Eisenturm Mainz, 2013